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Birkensokan (Zwillingsstamm oder Vater mit Sohn)

Man liest es ständig und es wird hartnäckig behauptet.....

Birken sind schwer zu gestalten weil sie die Eigenschaft haben, immer wieder mal, wenn ihnen danach ist, einen oder idealerweise auch mehrere Äste einfach absterben zu lassen.

Nun bin ich Jungfraugeborener mit einem sturen Schädel. Ich könnte mit meinem Schädel durch eine Tresorwand gehen wenn ich wollte, so stur kann ich sein.

Birke geht nicht - gibt´s nicht.

Ein Sonntag Anfang Mai 2003. Blauer Himmel, der Schnee gerade weggeschmolzen und ich Lust auf Birke. Also auf ins Gebirge zu einem Bekannten der eine Alm hat. Dort wachsen Birken en-gros. Aber nicht normalwüchsige Birken sondern gepeinigte Birken. Von Lawinen verschüttet, von Kühen, Schafen und Touristen zertrampelt und verbogen und immer wieder bis auf ein paar Knospen zurückgefressen. Ich glaube das machen aber nicht die Touristen, sondern nur das Viehzeug.

Yamadingsda Herz was willst du mehr.

Da stand sie und hat mir sofort die Augen verdreht. Birke - Mutter und Sohn. Hab dann aber in den Büchern nachgeschaut und es heisst Vater und Sohn.

Ist ja auch egal. Sie stand da, so 2 Meter hoch mit einer wunderbaren weißen und seidigen Borke und wunderschönen Stammschwüngen. In ihrem oder seinem Schutz stand der "Junior".

"Willst mit", hab ich gemurmelt. Sie hat nix gesagt, also habe ich angenommen dass sie mit will. Der "Junior" hat auch nicht zu blärren angefangen - also auch mit.

Mit einem Gartenspaten schön tief abgestochen, ein paar Wurzeln durchtrennt und aus der Grube gehoben. Die Grube wieder schön zugemacht, damit sich nicht andere Bonsaianer das Genick brechen. Gehört sich ausserdem ohnehin. Steht im Bonsaiknigge.

Nach feinster japanischer Bondagetraditon habe ich noch den Wurzelballen in einem großen Tuch verschnürt. Hab die beiden dann geschultert. Die Schulter hängt heute noch weil ich doch etwas großzügig abgestochen habe und die beiden ganz schön schwer waren.

Zuhause angekommen, hab ich sofort vor Freude meine Frau vom Garten aus angerufen dass sie sofort in den Garten kommen soll um meine schöne Birke zu bestaunen. Naja, wir wohnen im 2. Stock, da ist telefonieren vom Garten in die Wohnung im 2. Stock schon ziemlich praktisch.

"Wegen dem Kreppn (für unsere nördlichen Nachbarn - Gestrüpp) musste ich jetzt unbedingt in den Garten" war ihr Kommentar. "Nein, kriegst auch ein Bussl " habe ich gemurmelt. Damit war der Haussegen wieder hergestellt.

Wenn der Baum genügend Wurzeln hat, dann entferne ich sofort die ganze Erde. Anschliessend wasche ich den Wurzelballen mit einem scharfen Strahl aus dem Gartenschlauch aus. Das schont die Wurzelschere und der Wurzelballen kann sofort gezielt bearbeitet werden. Ausserdem passen dann die meisten Bäume sofort in eine Schale. Beim sofortigen Rückschnitt bin ich meistens etwas vorsichtig. Lieber lasse ich am Anfang mehr Äste stehen als ich brauche. Bei der Birke habe ich aber mal sofort den Spitzenast um einen Meter gekürzt und auf einen Nebenast abgesetzt, der einen natürlichen Übergang in die neue Krone ermöglicht.

Nach dieser Prozedur stand sie dann in der Schale meine neue Schönheit. (Bild 0000)

Nachdem der Baum ja noch keine Blätter hatte, bekam er den sonnigsten Platz den ich anbieten konnte. Keine 3 Wochen später stand die Birke mit satten und schönen Blättern im schönsten Frühlingsgrün da. (Bild 0001).

Nicht ein Ästchen an dem keine Blätter gebildet wurden. Es war zwar noch ein wildes Durcheinander aber immerhin, der Anfang war vielversprechend. Stimmt also doch nicht das Birken so zickig sind.

Ein Jahr später, im April 2004, nahm ich den Baum aus der Schale um das Wurzelwachstum zu begutachten. Perfekt - viele Feinwurzeln haben sich gebildet. Also gleich die Schere gezückt und den Wurzelballen nochmal drastisch reduziert. Weil so eine Schönheit muss ja auch gleich in eine passende Schale. (Bild 0002)

Und weil der Baum im letzten Jahr schön kräftig ausgetrieben hat, habe ich gleich einen starken Rückschnitt der Äste vorgenommen, um beim Feinaufbau der Verzweigung keine Zeit zu verlieren.

Mit Spannung erwartete ich den Austrieb. Oh Gott - wie hat der Baum kräftig ausgetrieben. Auch der "Junior" entwickelte sich prächtig. So prächtig dass ich ihn im Juni 2004 schon drahten und mit Spanndrähten in die beabsichtigte Form bringen konnte. (Bild 0003)

Ein breites Grinsen stand mir im Gesicht. MEINE Birke zickt nicht.!!! Alle Äste noch voll aktiv. Absterbende Äste nur ein Gerücht. Wahrscheinlich ist das nur bei Flachlandbirken so. Die kampferprobten Gebirgsbirken sind eben widerstandsfähiger.

Der Baum durfte bis Ende Juni kräftig durchtreiben. Er war gesund und strotzte vor Kraft. Aber er sah noch ziemlich unordentlich aus. (Bild 0004) Ungefähr so, wie wenn man sich am Morgen in den Spiegel schaut. Da stehen die Haare ja auch noch so ziemlich unmotiviert in der Gegen herum.

Ende Juni war es dann wieder an der Zeit einen kräftigen Rückschnitt zu machen. (Bild 0005)

Im September 2005. 2 Jahre und 6 Monate nach dem ausgraben sah sie schon wesentlich ordentlicher aus. Für mich jedenfalls zeichnete sich die perfekte Verbindung dieser Vater - Sohn Beziehung ab. Der Vater neigt sich schützend über den Sohn. Dieses Bild hatte ich schon beim ausgraben des Baumes gesehen. (Bild 0006)

.... und eh schon wissen meine Birke zickt nicht. Alle Äste genauso wie ich sie haben will. Kräftig und mit immer feiner werdender Verästelung. Keine Spur von absterbenden Ästen.

Der Junior musste noch kräftig eingekürzt werden, damit er kompakter wird. (Bild 0007)

Im Frühjahr 2006 habe ich bemerkt, dass der Baum etwas schwächelt. Schön langsam sind die gesamte Krone sowie 2 Äste vertrocknet.

Im Mai 2006 dann die traurige Erkenntnis. Birken zicken!!! Im Frühjahr hat die gesamte Krone und 2 weitere Äste nicht ausgetrieben. Total vertrocknet. (Bild 0008)

Ich bin mit dem Baum in die Keller-Intensivstation gerast und habe den Wurzelballen inspiziert. Und ausgerechnet das Insekt des Jahres 2000, nämlich der Rosenkäfer, das Mistvieh das in der Sonne so schön grünlich schimmert hat meine Birke zur Aufzucht seiner Jungen missbraucht. Beim Substratwechsel fand ich 8 cirka 3cm große ekelige Raupen. Die sehen aus wie die Raupen vom Dickmaulrüsselkäfer. Die haben sich den ganzen Winter mit den Wurzeln der Birke den Bauch vollgefressen. In diesem Moment habe ich sie gesehen, bei einem delikaten Mahl, mit umgebundenen Lätzchen und mit den Fäusten auf den Tisch hauend vor lauter Freude über die saftigen Wurzeln.

Eines jedoch erfüllt mich mit Freude. Meine Birke zickt nicht. Gegen ungebetene Mitbewohner kann sie ja nichts dafür.

Naja, es ist ja auch eine Herausforderung den Baum in ein paar Jahren wieder in alter Schönheit erstrahlen zu lassen.

Im März 2007 jedenfalls habe ich eine Operation vor. Ich werde von einer zweiten Birke mit der Bohrtechnik neue Äste und eine Spitze ablaktieren.

Die Bohrmaschine liegt schon bereit. (Bild 0009)

Einen Bericht darüber wird es selbstverständlich auch geben.

Birken muss man haben. Sie sind schön und elegant.

Servus

Herbert Aigner